180
Blutdruck, Kilometer und Minuten
Auf 180
Ich tobe, ich schreie, ich wüte. Ich könnte die ganze Einrichtung zertrümmern. Ich bin so erbost, so wütend, so zornig, mein Herz schlägt wie wild, das Blut kocht mir über, und jeden Moment platze ich.
Aber ganz leise bin ich in meiner Wut. Stehe da, lasse den Kopf hängen, starre den Fußboden an, die grau-weiß gescheckten Kacheln, die sich als Schachbrettmuster vor mir ausbreiten. Es ist still. Still genug, um den entfernten Verkehrslärm im Zimmer zu hören, Klaviergeklimper irgendwo aus den oberen Stockwerken, selbst den tropfenden Wasserhahn nehme ich wahr. Und meine Hände, meine Finger, die sich zu Fäusten ballen und wieder auseinander gehen. Fäuste. Finger. Fäuste. Finger. Fäuste. Still bin ich dabei, ganz leise.
Denn hier ist niemand, der mein Geschrei hören könnte, niemand, der meinen Tobsuchtsanfall aushalten müsste, niemand, der meine Wut ertragen wollen würde. Insbesondere ist der Verursacher meiner Aufruhr nicht hier, und dass er nicht hier ist, ist mit ein Grund für meinen unmäßigen Zorn. Der andere Grund liegt auf dem Tisch. Ein Brief. Im Großformat. Darin Fotos. Schwarzweiß. Eindeutige Fotos. Kein Absender.
Der Absender ist mir egal. Zwar wünsche ich ihm die Pest an den Hals, ebenso wie den Damen, die auf den Bildern zu sehen sind. Aber sollten diese Leute an Alterschwäche sterben, soll es mir auch recht sein. Sie sind nicht mein Problem. Mein Problem ist nicht hier.
"...und einatmen ...und ausatmen ...und nicht mehr atmen." Gut. Gleich noch mal. "...und einatmen ...und ausatmen ...und nicht mehr atmen." Noch mal. "...und einatmen ...und ausatmen ...und nicht mehr atmen." Gestern habe ich mich noch über die Sprechstundenhilfe beim Radiologen lustig gemacht. Alle diese radiologischen Fachkräfte benutzen ihn, diesen komischen Singsang beim Röntgen, kurz bevor sie das Zimmer verlassen und das Knöpfchen drücken. Heute hilft es: "...und einatmen ...und ausatmen ...und nicht mehr atmen."
Nicht mehr atmen. Sterben. Nicht mehr atmen und sterben. Tief Luft holen. Tief durchatmen. Nachdenken. Nicht Sterben. Kopf heben. Mich umsehen. Atmen. Ein Glas holen. Zum Waschbecken gehen. Das stetige Tropfen zum Wasserschwall aufdrehen, es laufen lassen. Mit dem Glas das kalte Wasser einfangen. Mit gierigen Schlucken trinken. Ein weiteres Glas füllen und leeren. Ein drittes. Das vierte Glas schaffe ich nur zur Hälfte. Schwach stehe ich da, es fällt mir aus der Hand, zerbricht nicht, rollt nur den Küchenboden entlang. Ich lasse es liegen, schleppe mich durch die Pfütze zum Tisch, falle in den Stuhl, die Fotos direkt vor mir. Ich greife danach, werfe kurze Blick darauf, schiebe sie aber schnell zusammen, und drehe sie kurzerhand um. Ich muss sie mir nicht mehr ansehen. Ich weiß, was ich wissen muss.
Ich wüte. Leise. Still.
Noch 180
Hannes ist auf dem Weg nach Hause und steht auf der Autobahn in einem Stau. Also ruft er zu Hause an und erzählt dem Anrufbeantworter, dass sich seine Ankunft verzögern wird. Er weiß noch nicht, dass Madame zu eben diesem Zeitpunkt in ihrer hübschen kleinen Küche sitzt und versonnen das auf dem Boden liegende Glas betrachtet. Sie hat sich mittlerweile beruhigt. Sozusagen. Jeden Augenblick wird sie aufstehen, das Glas aufheben und anfangen, die Küche zu putzen. Sie wird das Geschirr der letzten Tage von Hand waschen, den Boden wischen, und, da der Stau sich hinziehen wird, sogar anfangen, dass Bad in Ordnung zu bringen, um schließlich zu den restlichen Räumen vorzudringen. Wüsste Hannes von dem bevorstehenden Tätigkeitsdrang Madames, würde er Gott um eine Massenkarambolage anflehen oder um einen Hubschrauber. Die Entscheidung wäre nicht leicht: So schnell wie möglich nach Hause kommen, um ihr den Wischmopp rechtzeitig aus den Händen nehmen zu können, oder gar nicht erst auftauchen und sich im Krankenhaus vor ihr verstecken?
Aber Hannes hat keine Ahnung, trotz Stau ist er gut gelaunt. Hinter ihm liegt eine in vielerlei Hinsicht erfolgreiche Messe und vor ihm ein erholsames Familienwochenende, wie er meint. Er erhofft sich sogar eine spezielle Behandlung durch Madame. Dazu besteht auch durchaus Anlass. Nach einigen Tagen Trennung kann Madame beim Wiedersehen doch sehr fordernd werden. Überaus fordernd sogar. Er lächelt. Er lächelt ein wenig mehr, als er daran denkt, dass ihm die Messe mal wieder ein Entspannungsprogramm der anderen Art geboten hatte. Die Sekretärin vom Stand gegenüber war jung, unerfahren und zuckersüß. Mit ausgewählten Komplimenten und einem erlesenen Abendessen konnte er den klassischen Verführer spielen. Etwas Überredung, ein wenig Forschheit und kundige Hände und Lippen taten ihr übriges. Ja, Madame war da erheblich anspruchsvoller und schwerer zufrieden zu stellen. Na, und wenn Madame unzufrieden ist, bleibt auch Hannes unbefriedigt. Mitunter allerdings auch dann, wenn Madame sehr zufrieden ist. So fällt es Hannes umso leichter, Madame zufrieden zu stellen, wenn er selbst ein wenig Entspannung vorab erfahren durfte.
Wüsste Madame davon, wäre sie darüber natürlich nicht sehr erfreut, gelinde ausgedrückt. Dass seine Verführerkünste auch ihr zugute kommen, würde bei der Bemessung des Strafmaßes nicht ins Gewicht fallen. Wenn es denn überhaupt eine Strafe geben würde. Immerhin könnte es sein, dass Madame die schlimmste aller denkbaren Strafen verhängen würde - keine Strafen, keine Behandlungen, keine Madame mehr. So war es besser, diese Entspannungsausflüge für sich zu behalten und das Beste aus beiden Welten zu genießen. Er konnte sich glücklich schätzen
Munter lässt er den Motor anspringen, als sich die Autos vor ihm in Bewegung setzen. Er freut sich auf das Wochenende und ganz besonders darauf, Madame wieder zu sehen. Er hatte sie vermisst.
Etwa 180
Wir befinden uns in einer Altbauwohnung irgendwo in einer deutschen Großstadt. Es ist bereits dunkel, auch in den Räumen. Sind die Bewohner schon zu Bett gegangen? So spät ist es eigentlich nicht. Vielleicht sind sie ja ausgegangen? Oh, psst! An der Türe ist jemand. Sie kommen zurück.
Wir hören wie sich der Schlüssel im Schloss dreht, sehen einen Mann hereinkommen. "Schaaatz? Bin wieder da." Das Licht geht an. Oh, was für ein hübscher Mann. Groß, dunkelblonde Haare, warme Augen, Typ Robert Redford. Er hat einen Koffer dabei. War wohl auf Reisen. "Schaaatz? Bist du da?" Er legt seinen Mantel ab, stellt fest, dass sonst kein Licht in der Wohnung brennt, zuckt die Achseln, wohl ausgegangen, der Schatz. Die Enttäuschung ist ihm im Gesicht anzumerken. Seine Augen schauen traurig. Aber er fängt sich schnell, zieht auch noch das Jackett aus, reckt sich und geht hinüber zur ersten Tür, öffnet sie und macht Licht - ah, die Küche. Er bleibt in der Tür stehen. Er sieht fassungslos aus, regelrecht bestürzt. Was um Himmels Willen kann denn in einer Küche Schreckliches zu finden sein, dass er so erschrocken wirkt?
Gar nichts. Keine Leiche, kein Wasserrohrbruch, kein Chaos. Im Gegenteil. Die Küche ist picobello aufgeräumt. Sauber. Alles an seinem Platz. Herrje, es ist so klinisch rein, man könnte sogar vom Fußboden essen. Unser hübscher Mann steht aber nur da, schluckt, schaut, muss sich regerecht überwinden, den Raum zu betreten. Ängstlich starrt er einen der Hängeschränke an, holt Luft, gibt sich einen Ruck, öffnet ihn. Aha. Lauter Dosen. Tomaten. Mais. Bohnen. Annanas. Pfirsich. Alle in Reih und Glied sortiert. Unser Hübscher wird blass. Ganz weiß wird er im Gesicht. Er sieht so aus, als könnte er sich jeden Moment übergeben. Er schwankt, greift nach dem Vorsprung der Arbeitsplatte, hält sich fest, wahrscheinlich wäre er sonst ohnmächtig geworden. Ganz leise ruft er in den Raum: "Schaaatz...?" Selbst wenn sein Schatz neben ihm stünde, hätte er ihn bestimmt nicht gehört, so leise ist er. Da steht er nun, hält sich an der Platte fest und versucht zu sich zu kommen.
Er braucht eine Weile, sogar eine ganze Weile, aber schließlich geht es wieder. Er verlässt die Küche und öffnet das Zimmer neben der Küche. Es ist das Bad. Er schaltet das Licht nicht ein, aber selbst im Halbdunkeln merken wir, dass auch hier jemand zugange war. Es ist sauber, so sauber, dass ein Chirurg problemlos eine Operation hier durchführen könnte, zumindest bei besseren Lichtverhältnissen. Eine Inspektion des Raumes und weitere Spekulationen über mögliche chirurgische Eingriffe bleiben uns erspart, denn unser Hübscher schleicht weiter ins Wohnzimmer. Sauber - Wundert uns das? Nein, tut es nicht. Der Raum ist gemütlich. Eigentlich. Wirkt aber seltsam leblos. Keine herumliegenden Zeitschriften, keine verteilten Kleider, nicht einmal ein vergessenes Glas oder ein Obstkorb sind zu sehen. Der Raum selbst, die Möbel scheinen wie abgezirkelt, als hätte man alles zueinander in den rechten Winkel gestellt.
Er betritt auch das Wohnzimmer nicht. Er dreht sich langsam um. Sein Blick fällt auf die gegenüberliegende Tür, wahrscheinlich das Schlafzimmer. In seinen Augen ist nackte Panik zu lesen. Vor was fürchtet er sich? Dass sein Schatz in diesem Zimmer auf ihn wartet? Oder dass Zimmer ebenso akkurat aufgeräumt, ansonsten aber leer ist?
Sein Blick wandert hektisch durch den Flurraum. Jetzt, wo wir wissen, worauf zu achten ist, stellen wir fest, dass auch dieser spärlich eingerichtete Bereich eine gewisse Sterilität ausstrahlt. Das einzige was stört, ist sein Gepäck, das da noch beim Eingang steht, und die aufgehängten Kleider unseres Hübschen scheinen fehl am Platz zu wirken. Das sieht er wohl auch so, denn seine Blicke können sich nicht beruhigen, springen zwischen Schlafzimmertür, Gepäck und Garderobe hin und her. Er fährt sich mit den Händen durch sein schönes blondes Haar, wir sehen Schweiß auf seiner Stirn. Er zittert. Trotzdem macht er sich auf den Weg zum Schlafzimmer. Langsam. Schlurfend. Bleibt vor der Tür stehen, berührt sie zögernd. Öffnet aber nicht, klopft auch nicht an. Steht nur davor. Hilflos.
So hilflos ist er, dass seine Augen nach irgendetwas anderen suchen und es schließlich auch finden. Neben der Tür steht ein kleiner Schrank mit zwei Posteingangskörbchen, auf dem einen können wir ein Namensetikett erkennen: "Hannes". Das ist wohl der Name unseres Hübschen. Im Korb liegt ein großer Brief. Geöffnet. Adressiert an eine Frau, wahrscheinlich sein Schatz. Es ist die einzige Post, die zu sehen ist. Unser Hübscher greift nach dem Briefumschlag, vielleicht weil er sich ablenken will, vielleicht auch nur aus Gewohnheit. Mit zittrigen Händen fischt er den Inhalt heraus. Sein Interesse ist nicht groß. Es braucht nur etwas zum Festhalten. Während seine Hände mit dem Papierstapel beschäftigt sind, schielt sein Blick immer wieder zur Tür. Als er seine Aufmerksamkeit endlich der Post widmet, merken wir, dass es sich um Fotos handelt. Schwarzweißfotos. Und, o la la! Was für Fotos!
Nun, die Sachlage ist offensichtlich: Wir haben hier einen Mann, wir haben hier oder auch woanders seinen Schatz und wir haben Fotos, auf denen eben dieser Mann zu sehen ist und zwar mit vielen, ganz anderen Schätzchen. Nun ja.
Unser Hübscher bekommt ganz große Augen, so große Augen, dass man meinen könnte, dass sie ihm gleich aus den Augenhöhlen springen werden. Ein ersticktes Geräusch ist seiner Kehle zu entnehmen, die Fotos entgleiten ihm, verteilen sich über dem sauberen Flurboden. Sein Zustand, schon ramponiert genug, kann mittlerweile nur noch als desolat bezeichnet werden.
Er kann sich nicht mehr auf den Beinen halten, geht in die Hocke, sein Hintern plumpst ungeschickt auf den Boden, er lehnt sich am Türrahmen an, sieht verzweifelt nach oben, er atmet flach. Seine Zunge befeuchtet die Lippen. Er dreht sich halb zur Tür, berührt, streichelt sie. Aber er klopft nicht, allenfalls kratzt, schabt er sanft über das Holz. Tränen schießen ihm in die Augen, kullern die Wangen hinab. Schließlich winkelt er die Beine an und umarmt sich kauernd selber. Er wirkt leblos. Nur sein Atmen ist zu hören, unterdrückte Schluchzer, ganz leise. Wir sehen, wie er am ganzen Körper zittert, wie er sich selbst schaukelt. Sehen, wie er immer wieder die Tür ansieht und verzweifelt, ängstlich zum Türknauf hochblickt. Aber er tut nichts weiter. Sitzt nur so da.
Das geht lange so. Sehr lange. Zwei Stunden? Vielleicht drei? Bisschen langweilig, nicht? So spannend ist der Flur ja nicht, auch nicht sein Anblick, wie er so da kauert. Es ist zwar ein Bild für die Götter, aber schnell haben wir uns doch daran satt gesehen und möchten wissen, wie es weitergeht. Aber nur Geduld, er kann ja nicht ewig und drei Tage da sitzen bleiben. Und falls sein Schatz wirklich im Zimmer ist, muss er irgendwann herauskommen, die Natur verlangt schließlich auch ihr Recht.
Na bitte, er bewegt sich endlich, ein Ruck geht durch ihn hindurch, unser Hübscher scheint eine Entscheidung getroffen zu haben. Er wischt sich die Tränen aus dem Gesicht, ganz gerötet sind seine Augen, er kommt hoch, streckt sich. Unschlüssig steht er vor der Tür, greift nach dem Türknauf, sieht dabei an sich herunter und schüttelt unwillig den Kopf. Er tastet nach den Knöpfen seines Hemdes. Nanu, was macht er denn da? Uui, es sieht so aus als würde er uns einen flotten Striptease bieten. Äh, ja, tatsächlich sehr flott. Nuja, er weiß ja nicht, dass wir zusehen, da kann man nicht langsame, aufreizende Bewegungen erwarten, dafür aber den Anblick eines hübschen Männerkörpers. Den hat er tatsächlich. Da steht er nun, ganz nackt, ein wenig verloren im Flur, vor der Tür, kratzt wieder, schabt, klopft leise mit den Fingern an die Tür.
"Schatz?" Leise, aber hörbar. "Schatz? Bist Du da? Darf ich hereinkommen? Bitte." Schüchtern. Bescheiden. Wirklich süß. "Bitte, darf ich hereinkommen?" Aus dem Zimmer ist nichts zu hören. Er steht da. Unschlüssig. Will die Türe öffnen, weiß aber nicht, ob er darf. Er atmet tief durch. "Schatz?" Nichts. "Bitte, antworte mir, wenn Du da bist. Bitte." Stille. "Bitte. Ich... Es tut mir leid. Es tut mir schrecklich leid. Bitte." Es ist nichts zu hören. "Bitte... bitte, bitte, bitte" Sehr leise, schnell hintereinander gesetzt, mit Tränen in der Stimme. Ist das nicht romantisch? Sein Schatz scheint aber nicht beeindruckt zu sein. "Ich... ich komme jetzt herein. Ich... bitte. Ich... Bitte, oh bitte... sei da..." Er stammelt, stellt fest, dass ihm nicht anderes übrig bleiben wird, als nachzusehen, und endlich öffnet unser Hübscher die Tür. Ganz leise hören wir noch sein letztes Flüstern: "Bitte, lieber Gott, bitte mach, dass Madame noch da ist. Bitte."
Autorin: Mago
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Kommentare
Ganz ohne Sex
... und trotzdem eine klasse Geschichte in tollem Stil geschrieben.